ST I, Quaestio 1 (HL)

Wider die faule Vernunft – SAPERE AUDE

Heinrich Leitner (HL) ad primae partis quaestionem I

De sacra doctrina, qualis sit, et ad quae se extendat. – Über die Heilige Lehre, wie sie beschaffen ist und worauf sie sich erstreckt.
Editio Leonina
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Nun wollen wir es also wirklich tun? Diese tausenden von Seiten lesen – diese Summe, die sich schon über ihren Titel als verstaubt qualifiziert. Eine, die (?) Summe dessen, was über Gott und die Welt zu sagen ist. Einmal im Leben müsse man die entscheidenden Fragen stellen, meinte Descartes, und müsse dabei radikal und rückhaltlos fragen, unbedingt und ein wenig pubertär. Einmal im Leben, nicht mehr gerade im Pubertätsalter, wollen wir nun mit der Hilfe des Heiligen Thomas die „Summe“ ziehen – und Woche für Woche darüber schreiben!?

Merkwürdig schon die Ambivalenz, die Summe ist uns zu viel und viel zu wenig. Niemand ist heute mehr bereit tausende von Seiten zu lesen, obwohl – oder gerade weil – niemand in Zeiten explodierender Information mehr glaubt, dass eine Summe in ein paar tausend Seiten zu ziehen ist. Ein paar hundert KByte stehen den sich inzwischen jährlich verdoppelnden Datenmengen entgegen: die Rede ist von etwa 40 Zettabytes, das sind 40.000 Exabytes, gleich 40.000.000.000.000 Gigabytes, gleich 40.000.000.000.000.000 Summa Theologiae. Kann das alles auf „nur“ 3.500 Seiten verdichtet werden? Es wäre eine vielversprechende Abkürzung, eine Dienstleistung mit unvergleichlich konkurrenzlosen Return on Invest. Also etwas, das wir dann doch wohl ernsthaft erwägen sollten.

Und Thomas selbst verpflichet sich im Vorwort darauf. Von vielen langatmigen, unsystematischen, nur der Selbstdarstellung dienenden Schriften abgeschreckt, verspricht er uns, alles „so kurz und so klar“ darzustellen wie es der Gegenstand tatsächlich erlaubt(!). Thomas geht es nicht um Daten, Gott sei Dank, und auch nicht um Information. Es geht um Wissen! Genauer um Antworten auf Fragen, unsere Fragen, nach dem, sagen wir es kurz und knapp, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mind fuck? Nun ja. 611 Fragen werden gestellt und beantwortet. Es sind keine „mittelalterlichen“. Es sind die Fragen, die, so sagen wir, dem Menschen als Menschen zueigen sind. Wir rühmen uns, sie zu stellen. Und weil wir sie stellen, glauben wir uns „selbstbestimmt“, „besonnen“, „mündig“ und „frei“ nennen zu dürfen: Gibt es ein letztes Ziel im menschlichen Leben? Was heißt es gerecht und besonnen zu sein? Was ist das Wesen der Liebe und der Grund unseres Handelns? Und natürlich auch: Gibt es einen Gott? Was heißt es zu glauben, zu wissen und zu zweifeln? Und worauf können wir – bei aller begrenzten Erkenntnis, bei aller allzumenschlichen Schwäche – am Ende hoffen?

Selbstverschuldete Unmündigkeit wollen wir uns nicht nachsagen lassen; aber tausende von Seiten lesen? Glauben wir nicht mehr, dass es Antworten auf diese Fragen gibt? Antworten, die mehr sind als willkürliche Entscheidungen. Angesichts der Flut der Daten, unserer knappen Zeit und all dem andern, worum wir uns kümmern müssen, scheint es uns ziemlich verrückt, sich darauf ernstlich einzulassen. Liegt es also doch „am Mangel des Verstandes“ angesichts der Übermacht des Sinnlosen, dass wir uns von den Letzten Dingen abwenden? Unmündig ja, aber nicht selbstverschuldet?

Thomas stellt die Frage nach dem Sinn der Sacra Doctrina selbst sehr radikal. Sie bildet seinen Einstieg. Die erste Frage ist die nach Art und Gegenstand der Lehre, deren Summe er ziehen will. Brauchen wir wirklich eine Sacra Doctrina, eine Lehre von Gott und der Welt? Und was soll das überhaupt sein? Welchen Gegenstand und welches Vorgehen hat sie denn, diese „Lehre“? Allerdings stellt er diese Fragen ein klein wenig anders und dieser „kleine Unterschied“ macht eine andere Welt. Aber der Reihe nach.

Wie viele schwierige Fragen, läßt sie sich nicht in einem Schritt beantworten. Und so ergeben sich zu den Quaestiones der Summa regelmäßig Einzelfragen, die beantwortet werden müssen, wenn die Frage als ganze beantwortet werden soll. Die erste Einzelfrage zur Sacra Doctrina ist, ob sie überhaupt zu irgend etwas gut ist, ob wir sie wirklich brauchen? Die Frage spielt mit einem hohen Einsatz: Wird hier keine befriedigende Antwort gefunden, können wir die folgenden 610 Fragen auf sich beruhen lassen; wir können uns sogar den Rest der ersten Quaestio sparen, immerhin neun weitere Artikel zu neun schwierigen Einzelfragen. Der Invest wäre dann für den Ertrag der gewonnenen Zeit vergleichsweise gering. Mit eineinhalb Seiten wären tausende von Seiten abgegolten – also können wir uns getrost auf den ersten Artikel einlassen.

Thomas macht sich die Sache nicht leicht und führt ein starkes Argument an, das gegen eine solche Lehre spricht: was unsere Kräfte übersteigt, danach sollten wir nicht streben. Unglücklich wird und lächerlich macht sich, wer etwas erstrebt, das deutlich über seine Fähigkeiten hinaus geht. Für die Wissenschaft bedeutet dies, dass wir nichts erstreben sollten, was jenseits der menschlichen Vernunft liegt. Eine Heilige Lehre scheint nicht nur wegen des heute so drastisch erlebten Informations-Harmageddon ins Leere zu laufen; es gibt eine fundamentale Schwäche, nämlich die kategoriale Ungereimtheit eines solchen Versuchs. Das Göttliche übersteigt alle menschliche Vernunft. Darin liegt sein Wesen. Deshalb können wir davon nichts vernünftig erkennen, allenfalls glauben. Das Göttliche aufs menschliche Maß zu zwingen, ist lächerlich gefährliche Hybris. Also lassen wir lieber die Finger davon. Es kommt nichts raus, vor allem nichts gutes. Die Hybris als die Wurzel allen Übels hatten uns die Griechen in ihren Tragödien und Epen plastisch vor Augen gestellt. Vernünftige Erkenntnis ist Sache der Philosophie. Das ist alles, was wir brauchen: Philosophie!? Wir müssen diese tausenden von Seiten nicht lesen – wo wir doch die Philosophie haben?! Platon und Aristoteles, natürlich, die müssen wir studieren; Descartes, Kant und Hegel, auch die müssen wir lesen; mirwegen auch Whitehead und Wittgenstein, Husserl und Habermas. Etwas erkennen zu wollen, was nicht zu erkennen ist, das freilich wäre mind fuck! Don’t do it.

Das zweite Argument, das Thomas gegen eine Heilige Lehre stark macht, ist ebenfalls von durchschlagender Kraft. Wissenschaft handelt vom Wahren und das fällt zusammen mit dem Sein. Wahr ist eine Eigenschaft von Urteilen. Ein Urteil ist genau dann wahr, wenn der behauptete Sacherverhalt eine Tatsache ist. Wahrheit bezieht sich gleichermaßen auf unser Sprechen und auf das Sein. Was wir sagen ist wahr, wenn es so sich verhält wie wir sagen. Worauf sich der Anspruch auf Wahrheit richten kann, und wie wir in begründen, ist Sache der Philosophie, jedenfalls einer vernünftiger Überlegung. In diesem Sinne ist denn auch in der Philosophie von Gott die Rede – insoweit sich denn Wahres über ihn sagen läßt. Können wir keine wahren Aussagen über Gott treffen, dann brauchen wir keine Sacra Doctrina, die genau dies will; können wir es, haben wir dafür die Philosophie. Also brauchen wir keine eigene Sacra Doctrina – und sparen uns die Lektüre der fünf dicht beschriebenen Bände.

Das Argument weist weit über die vorliegende Frage hinaus. Wir werden darauf, da bin ich sicher, immer wieder zu sprechen kommen. Wahrheit und Sein sind eins. Richtiges Denken trifft die Wirklichkeit. Da haben wir das alte parmenideische Muster: Sein und Denken ist das selbe. Oder wollen wir es das moderne nennen(?): Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.

Beide Einwände werben für Philosophie: Wir brauchen keine Sacra Doctrina, weil wir die Philosophie haben! Olalala! Was sollte uns da noch fehlen? Hier wird nicht misologisch gegen Vernunft argumentiert. Hier wird die Konzentration auf Philosophie und vernünftige Erkenntnis gegen die Sacra Doctrina ins Feld geführt! Keine Versagensangst leitet hier den Gedanken, keine Entschuldigung gegen die Übermacht der Informationen, in die man sich dann bereitwillig stürzt; jenseits von Gamification und Edutainment wird auf die Kraft der Vernunft und ihre Orientierungsmacht gesetzt. Wenn das Ergebnis der Frage nach der Sacra Doctrina ist, summa summarum die 611 Fragen durch die platonischen Dialoge, die cartesischen Meditationes und die Kantschen Kritiken zu ersetzen, dann hat das für uns moderne Leser eine unerwartete Wendung.

Was aber spricht dann überhaupt für eine Sacra Doctrina – und unser Studium von tausenden von Seiten? Thomas zieht im „sed contra“ gegen die geballte Kraft solch vernünftiger (Gegen-)Argumente die auctoritas heran, er zitiert nichts anderes als die Autorität Paulus! Paulus, der große Erfinder des Christentums, meint nämlich, alle von Gott gegebenen Schriften seien nützlich, „zur Belehrung, zur Zurechtweisung, zur Besserung und zur Unterweisung“. Dieser Hinweis auf Paulus ist Programm. Die scharfsinnigen Argumente gegen eine Sacra Doctrina werden durch den milden Hinweis auf die Autorität des Paulus kontrastiert. Vernunft ist keine ungebundene Kraft. Sie ist ein, zugegeben herausragendes, den Menschen auszeichnendes Vermögen, mit denen sich Personen über sich und ihr Leben verständigen. Sie ist ein Vermögen neben anderen, das richtig gebraucht und das heißt ins richtige, harmonische Zusammenspiel mit den anderen gebracht werden muss. Die richtige, vernünftige Ausrichtung und Balance der Kräfte zeigt sich im überzeugenden, einnehmenden Leben von Personen. Bei aller Liebe zum Eifer der Vernunft, stimmen wir nicht Schlußketten zu, sondern Personen, die sie vorbringen. Entgegen allem Augenschein, glauben wir im Zweifel der Tochter, die wir kennen, dem Freund, mit dem wir so viel durchlebt und dem geduldigen Lehrer, dem wir vieles verdanken. Was immer andere meinen aus guten Gründen anders denken zu müssen – wir vertrauen zunächst und vor allem der gelebten Autorität von Freunden, Vorbildern im Geiste und im Leben. Wir glauben ihnen nicht blind. Nicht einfach so. Aber wir nehmen sie ernst, weil wir sie kennen und weil sie durch ihr Tun und Lassen wesentlich geprägt haben und prägen, was wir denken, wollen und fühlen. Und weil wir sie kennen, kennen wir auch ihre Schwächen, ihre toten Winkel und ihre starken Gefühle. Wir wissen damit umzugehen. Verdanken wir solchen Lehrern nicht unseren Glauben an die Kraft der Vernunft, an den zwanglosen Zwang des besseren Arguments, und unsere Einsicht, wann diese Kraft befreit und wann sie ins Leere führt. Ohne diese Autoritäten wären wir nicht das, was wir sind. Sie ernst zu nehmen, ist eine Sache der Klugheit. Ihre Urteile sind unsere Vorurteile, die uns prägen und ohne die wir nicht verstehen könnten, was uns so und nicht anders begegnet. Ohne Paulus sähe das Christentum und unser Glaube anders aus. Sein Ringen mit dem, was ihm und seinen Zeitgenossen begegnet ist, hat das geprägt, was wir Glauben nennen. Es prägt noch unsere Zweifel daran.

Also zurück zu Paulus‘ Hinweis. Das Argument ist natürlich nicht, dass die Beschäftigung mit überlieferten Texten für allerlei nützlich sein kann, z.B. zur Belehrung und Besserung. Das gilt für die Lektüre von Gedichten und Märchen auch. Und selbst erzählte Träume, die doch von einer ganz eigenen (idiotischen) Welt handeln, können für andere durchaus „anregend“ sein. Das Gewicht liegt auf der behaupteten Urheberschaft. Es gibt „inspirierte Schriften“ (scriptura divitus inspirata), die nicht (bloß) menschlicher Verstandestätigkeit oder ausschweifender Phantasie entspringen. Diese göttlich inspirierten Schriften sind freilich kein Gegenstand der philosophischen Wissenschaften. Eine eigenständige Lehre, die auf göttlicher Eingebung beruht, ist deshalb (nach Paulus) nützlich.

Das versteht sich beinahe von selbst. Göttliche Dinge sind der Erkenntnis wert. Die Unterstellung ist natürlich, dass es solche Dinge gibt und dass sie uns in göttlicher Offenbarung gegeben sind. Eine Heilige Lehre ist dann und nur dann nützlich, wenn es etwas Heiliges gibt. Wer daran nicht glaubt, der braucht auch keine Sacra Doctrina – und kann sich ganz der Philosophie widmen!

Umgekehrt gilt aber auch: Wer an Offenbarung glaubt, der braucht eine Sacra Doctrina. Die Erkenntnis (!) der offenbarten Wahrheit ist nicht nur schön oder nützlich – sie ist notwendig! Wofür? Für das Heil des Menschen! Heil ist nicht einfach Glück im Sinne der aristotelischen Vorstelllung eines gelingenden Lebens. Heil bezeichnet die ewige Seligkeit, einen leidlosen, aller Mühe entrückten Zustand vollkommener Glückseligkeit (beatitudo aeterna), in dem sich von Natur nicht die Menschen, sondern einzig die Götter befinden. Dieses Heil ist dem Menschen von Gott verheißen, es ist ihm nicht von Natur gegeben! Die Überwindung von Leid und Tod, Irrtum und Mangel, kann dem Menschen dementsprechend nicht durch eigene Kraft gelingen. Wir mögen unser Leben so gut es uns gelingt führen, die ewige Seligkeit werden wir dadurch nicht erlangen. Sie muss uns zuteil und gnadenhaft gewährt werden. Die Verheißung auf Erlösung (sôtería) ist Grundlage des christlichen Glauben. Das Heil des Menschen gründet im rettenden Handeln Gottes. Das Heil des Menschen, seine ewige Seligkeit, verlangt mehr als Philosophie! Es ist „das Ziel unserer Wissenschaft [der Sacra Doctrina, HL]… worauf als auf ihr Endziel alle anderen Ziele… hingeordnet sind“). Wir brauchen als Menschen mehr als uns die menschliche Vernunft zu geben vermag! Der Mensch ist auf Offenbarung angewiesen; sie muss ihm zuteil werden, wenn anders er sein Ziel nicht verfehlen soll. Diese Dinge muss er im Glauben annehmen und darauf richtet sich die Sacra Doctrina.

Also ist das alles ein große petitio principii, ein groß aufgeschwemmtes question begging? Grund und Voraussetzung einer Sacra Doctrina ist der Glaube an Gott, seine Offenbarung und die Heilsverheißung. Diese Voraussetzung kann sie nicht begründen und also bricht das Ganze schon am Anfang zusammen!?

Auch diesen Einwand bringt Thomas selbst (im zweiten Artikel) vor: „Jede Wissenschaft gründet in Prinzipien, die durch sich selbst einsichtig sind. Die Sacra Doctrina aber geht zurück auf Glaubensartikel, die als solche nicht einsichtig sind und deshalb nicht von allen angenommen werden… Die Sacra Doctrina ist also keine Wissenschaft.“

Dass die Sacra Doctrina ihre Voraussetzungen nicht begründet, spricht freilich nicht gegen sie als Wissenschaft. Voraussetzungen werden eben vorausgesetzt – in jeder Wissenschaft und in jeder vernünftigen Argumentation. Sie sind die Grundlage mit Hilfe derer Wissenschaften ihren Gegenstand beschreiben und aus denen sie ihre Erkenntnisse schlußfolgernd ziehen.

Nun mag es Wissenschaften geben, deren Voraussetzungen durch andere Wissenschaften begründet oder gar bewiesen werden. Diese Begründungsleistung vollbringen sie freilich wieder mit eigenen Voraussetzungen. Thomas führt die Musik an, deren Grundlagen in der Arithmetik gelegt werden. Oder die Metaphysik, die die Prinzipien all der „natürlichen“ Wissenschaften verstehen will. Die Biologie mag für die Untersuchung des Lebendigen Physik und Chemie zu Hilfe nehmen. Sie untersucht das Lebendige aber auf eigene Weise, die nicht auf Physik oder Chemie reduziert werden kann und die durch ihre „Voraussetzungen“, ihre Methoden und Prinzipien bestimmt ist. Dass der Physiker als Physiker „prinzipiell“ anders arbeitet als der Biologe, spricht weder gegen die Wissenschaftlichkeit des Biologen noch gegen die des Physikers.

Die Sacra Doctrina ist in diesem Sinne „hypothetisch“ besonders begründungsfest. Sie „gründet“ nicht auf menschlicher Wissenschaft, sondern auf göttlicher Offenbarung, die wir gläubig annehmen.

Thomas geht dem Problem der Begründung in den Wissenschaften in einem weiteren Artikel nach. in Artikel 8 stellt er die Frage, in welchem Sinne es in der Sacra Doctrina als Wissenschaft den Beweise gebe. Und wieder führt er zwei Argumente an, die die Vorstellung, die Sacra Doctrina sei eine „beweisende“ Wissenschaft, im Mark erschüttern. Die Sacra Doctrina richtet sich auf göttliche Offenbarung und damit auf das, was im Glauben ergriffen werden muss. Das hatte sich schon gezeigt. Die Autorität Ambrosius sagt deshalb zurecht: „In Glaubenssachen heißt es auf Beweise zu verzichten.“ (Das muss man einfach lateinisch zitieren: Tolle argumenta, ubi fides quaeritur!!!) Also gibt es in der Sacra Doctrina, will sie sich nicht entwürdigen, keine Beweise.

Auf die Würde der Sacra wird auch im zweiten Argument verwiesen. Thomas argumentiert dort mit einer reductio ad absurdum. Ginge die Sacra Doctrina beweisend vor, dann müssten ihre Prinzipien entweder auf Vernunft (ex ratione) oder auf Autorität (ex auctoritate) beruhen. Vernunftbeweise aber entsprechen nicht der Sacra Doctrina. Der Gegenstand der Sacra ist göttliche Offenbarung, die den Bereich menschlicher Vernunft überschreitet. Gregor der Große habe deshalb zurecht betont, der Glaube habe „kein Verdienst, solange die menschliche Vernunft mit ihren Gründen drein redet.“ Vernunftbeweise werden der Würde der Sacra Doctrina genauso wenig gerecht wie Autoritätsbeweise, die nach Boethius die schwächsten Argumente darstellen und damit dem höchsten Gegenstand der Heiligen Lehre keineswegs gerecht würden. Also scheint es in ihr wirklich keine Beweise geben zu können.

Beide Argumente gegen den argumentativen Charakter der Sacra Doctrina gründen freilich in einem Mißverständnis. Das beweisende Vorgehen der Wissenschaften richtet sich gar nicht auf ihre Prinzipien; sie werden lediglich für Beweise genutzt und mit ihrer Hilfe wird argumentiert. Könnte man nichts voraussetzen, könnte man nichts ableiten und etwas anderes auf das Vorausgesetzte gründen. Unter Voraussetzung dessen, was durch göttliche Offenbarung gegeben wird, kann die Heilige Lehre anderes genauso begründend ableiten wie es Mathematik, Physik und Biologie aus ihren Prinzipien tut. Aus der Auferstehung Christi lässt sich dann z.B. die allgemeine Auferstehung begründen.

Thomas macht das am Beispiel eines Kritikers deutlich, der die Prinzipien einer Wissenschaft leugnen wollte. Er könnte innerhalb dieser Wissenschaft nicht von der Richtigkeit der Prinzipien überzeugt werden. Es bräuchte eine „höhere“ Wissenschaft, die diese Prinzipien wiederum aus anderen begründet, die vom Kritiker zugestanden sein müssten. Begründungen können nicht gelingen, wenn derjenige, dem etwas begründet werden soll, überhaupt nichts zugestehen, also nichts als gültig voraussetzen will. Seine Kritik liefe damit ins Leere; er will sich waschen ohne sich naß zu machen. Wir können mit Häretikern über die Richtigkeit einer Glaubenswahrheit streiten insofern sie die Gültigkeit z.B. der Heiligen Schrift voraussetzen. „Sollte aber der Gegener die göttliche Offenbarung im ganzen ablehnen, so bleibt uns keine Möglichkeit, die Glaubensartikel irgendwie zu begründen(!); wir können nur noch versuchen, die Gründe zu entkräften, die der Gegner etwa gegen den Glauben vorbringt.“

Vernunft schafft nicht den Glauben. Er ist die unhintergehbare Grundlage der Sacra Doctrina. Wir können den Zweifeln, die wir im oder gegenüber dem Glauben haben, jedoch vernünftig begegnen. Indem wir das, was wir glauben, in einen stimmigen Zusammenhang bringen und den Unglauben als unvernünftig ausweisen. Gnade und Natur widersprechen sich nicht. Gnade unterdrückt nicht die Natur, sondern vervollkommnet sie. So kann das uns durch göttliche Offenbarung Gegebene nicht im Widerspruch sein zu dem, was uns durch natürliche Vernunft einsichtig wird.

Die Autorität, die den natürlichen Wissenschaften vermeintlich wenig gilt, ist für die Sacra Doctrina essentiell. Und zwar in einem doppelten Sinn: Sie gründet sich auf die göttliche Herkunft ihrer Voraussetzungen, auf göttliche Autorität und ist damit das stärkste Argument, das vorgebracht werden kann. Es gründet sich aber auch auf die Autoriäten der Glaubensgemeinschaft, die die Erfahrung des Glaubens stimmig zum Ausdruck gebracht und zu einem Leben geformt haben, das Natur und Gnade, Offenbarung und Vernunft harmonisch zusammenführt. Wie wir gesehen haben, wären wir ohne solche Autoritäten gar nicht in der Lage von dem zu sprechen, was wir meinen, und könnten gar nicht meinen, wovon wir sprechen.

Wer den Glauben sucht, der wird mit Vernunft wenig ausrichten. Offenbarung läßt sich nicht ersetzen. Mit dem Hinweis auf Johannes 20, 31 bringt Thomas das auf den Punkt: „Das alles ist geschrieben, damit ihr glaubt“! Wer den richtigen Glauben sucht, der braucht Vernunft. Für die Stimmigkeit dessen, was er glaubt und der Konsequenzen, die daraus für das Leben des Gläubigen, sein Tun und Lassen, zu ziehen ist. Erkenntnis ist heilsnotwendig! Erkenntnis! Die gewinnen wir nur über eine Lehre, die wissenschaftlich vorgeht und ihre Einsichten nicht nur statuiert, sondern beweist! Die Sacra Doctrina ist eine Wissenschaft wie andere auch. Sie hat nur einen besonderen Gegenstand, den „größten“ und wichtigsten. Das macht die Sacra Doctrina zur ersten, zur höchsten Wissenschaft, eine, die wir für unser Heil brauchen.

Das Heil ist – so haben wir gesagt – eine nicht der Natur des sterblichen Mangelwesen Mensch eigen, sondern der der ewigen Götter. Es ist den Menschen von Gott in Gnade zugedacht, kein Teil seiner Natur! Das höchste Gut der beatitudo im Sinne eines gelingenden Lebens entspringt der Natur des Menschen; es ist sein natürlicher Zweck. Ewige Seligkeit geht darüber hinaus und spiegelt negativ die Natur des Menschen, seine Bedürfnisnatur, seine Sterblichkeit, seine begrenzte Erkenntnis. Richtet sich aber nicht darauf auch unser Streben. Es ginge dann über das vernünftige Maß hinaus! Wir dürfen nicht erwarten, dass wir es vernünftig befriedigt bekommen. Ok. Aber ist es nicht genau dieser Blickwinkel, aus dem heraus wir uns als Personen verstehen? Begreifen wir uns als Personen wirklich endlich? Verstehen wir uns als Personen nicht sub species aeternitatis?. Oder anders gesagt ist uns das übernatürliche Ziel nicht als „natürliches“ Strebensziel eigen, eines das wir gar nicht aufgeben können, wenn wir uns als Personen verstehen wollen? Dann könnte man es mit Kant auf den Punkt bringen: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in der Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ Wir hätten uns dann nicht richtig (vernünftig) verstanden, wenn wir dem Glauben nicht Platz gemacht hätten und ihn zum integrativen Bestandteil der vernünftigen Selbstaufklärung gemacht hätten.

Also: Sapere aude! Wagen wir es also und hoffen das es gelingt. Die erste Quaestio hat dafür den Weg bereitet, der allerdings anstrengend bleibt. Sollten wir es wirklich durchhalten und jede Woche eine Quaestio lesen, dann wären wir auf dem Weg von den Anfängen der Sacra Doctrina bis zu den Letzten Dingen 611 Wochen, also fast 12 Jahre, „unterwegs“. Eine lange Zeit und ein großes Unterfangen, Woche für Woche die eigene Leseerfahrung in kurzen Texten festzuhalten. Die eigene Entschlossenheit, deren Kraft ich eh‘ nicht überschätze, reicht dafür nicht aus. Es kann nur gelingen, wenn uns gewährt wird, worüber wir selbst nur bedingt, sehr bedingt, verfügen: gesunder Verstand und offener Sinn, Muße und Demut, Vertrauen und Einsicht. Glaube, der nach Einsicht sucht, wird nur fündig, wenn ihm diese gnädig gewährt wird. Der Heilige Anselm von Canterbury eröffnet sein Proslogion mit einem Gebet. „Also Herr, der du dem Glauben Einsicht schenkest, lass mich, so weit du es für gut hältst, einsehen, dass du Sein hast, so wie wir es glauben, und dass du das bist, was wir glauben!“ So bitte auch ich.

Deshalb liest man solche Texte

Für solche Sätze liest man solche Texte. Sie sagen: so ist das. Darüber nicht mehr nachdenken. Auswendig lernen! Benutzen!

Jede praktische Wissenschaft handelt von dem, was der Mensch verwirklichen kann.
(omnis scientia practica est de rebus operabilis ab homine)

Von Einzeldingen gibt es keine Wissenschaft (scientia non est singularium)

Das muss CDH mir erklären

Ist das Streben nach Heil, der Erlösung im ewigen Leben, der Natur des Menschen eigen? Falls ja, wäre dann das Argument von Thomas brüchig? Falls nein, ist dann das Argument noch stimmig?

Schafft die Verheißung des Heils als Grundlage des Glaubens das Streben danach? Oder ist das Streben danach nicht der Natur des Menschen – seiner Personalität – eigen?

 

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© 2014 Heinrich Leitner

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