ST I, Quaestio 16 (HL)

Anselms Grund

Heinrich Leitner (HL) ad primae partis quaestionem XVI

De veritate. – Über die Wahrheit.
Editio Leonina (Q. 15-27)
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„Die Wahrheit besteht in der vollkommenen Angleichung von Ding und Verstand.“ (veritas consistit in adaequatione rei et intellectus)(ST I, q 21, art. 2 c) Das ist die einschlägige Stelle für das, was die Adäquations- oder Korrespondenztheorie der Wahrheit genannt wird. Wer sagt, wie es wirklich ist, der spricht wahr. Hier stimmen der gesunde Menschenverstand und „der Philosoph“ überein: „Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr.“ (Aristoteles Met IV, 7)
Kaum ausgesprochen stellen sich freilich unangenehme Frage. Wir hatten bereits über die Schwierigkeit gesprochen, wie wir die „Angleichung“ von Ding und Verstand verstehen können (cf. zu ST.I, q 14). Werden da nicht Äpfel mit Birnen verglichen und damit Unsinn produziert?

Thomas tritt deshalb einen Schritt zurück und fragt nach der Angleichung, die beim Wahren gedacht wird. Von Angleichung kann in doppelter Richtung gesprochen werden: der Angleichung des Verstandes an die Dinge oder der der Dinge an den Verstand. Thomas spricht an der zitierten Stelle von „Regel und Maß“ (regula et mensura)(ST I, q 21, art. 2 c), die die Angleichung leiten. Während beim Künstler oder Baumeister, das Ding sich nach „Regel und Maß“ der schöpferischen Idee richtet, ist im Erkennen das zu erkennende Ding „Regel und Maß“ des Verstandes. Im Erkennen „gleicht“ sich der Verstand dem zu Erkennenden „an“. Das Erkannte ist im Erkennenden so, wie es tatsächlich ist. Wahr ist die verständige Abbildung dann, wenn sie die Sache unverstellt zeigt und in unseren Urteilen richtig zur Sprache gebracht wird. „Nicht darum nämlich, weil unser Urteil, Du seiest weiß, wahr ist, bist Du weiß, sondern, weil Du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.“ (Aristoteles, Met. IX, 10)

Wahrheit ist ein Verhältnis, das es ohne Verstand nicht gäbe und das von ihm bestimmt wird. Dinge sind, was sie sind. Wahrheit gibt es nur für verständige Wesen. Dinge werden im nachvollziehenden Erkennen „wahrgenommen“ oder mit Blick auf eine leitende Idee wahr gemacht. Augustinus hatte diesen substantiellen Bezug auf den Verstand mit seiner Bestimmung des Wahren zunächst ignoriert: „wahr ist das, was ist“ (verum est id quod est). „Seinem“ Augustinus hält Thomas in einem fast rebellischen Aufstand der „natürlichen Vernunft“ „seinen“ Aristoteles entgegen: „Das Wahre und das Falsche ist nicht in den Dingen, sondern im Verstande.“ (verum et falsum non sunt in rebus, sed in intellectu)(ST I, q 16, art 1 contra)

Freilich kommt Augustinus schnell wieder zu den verdienten Ehren. Wahr können unsere verständigen Urteile nur sein im Nachvollzug der göttlichen. Was wir erkennend nachvollziehen ist dann wahr, wenn es der schöpfenden „Erkenntnis“ Gottes entspricht. Hier hat die Angleichung eine andere Richtung. Die Dinge folgen dem göttlichen Intellekt: „die Naturdinge heißen wahr, soweit sie eine Ähnlichkeit erreichen mit den Wesensbildern im Geiste Gottes. Denn der Stein heißt wahr, der die dem Stein eigene Natur erreicht auf Grund der im Geiste Gottes verfaßten Idee.“ (res naturales dicuntur esse verae, secundum quod assequuntur similitudinem specierum quae in mente divina: dicitur enim verus lapis, qui assequitur propriam lapidis naturam, secundum praeconceptionem intellectus divini) (ST I, q 16, art. 1 c) Wahr sind unsere Urteile im Nachvollzug der Wahrheit der im göttlichen Intellekt gegründeten Schöpfung. Und das ist die Stoßrichtung der Augustinischen Beschwörung: „Wahrheit ist das, worin sich das offenbart, was ist.“ (veritas est, qua ostenditur id quod est) (ST I, q 16, art. 1 c)

Diese Erkenntnis hat für uns die Form des zusammensetzenden (und trennenden) Verstandes. Wir sagen etwas von etwas aus und sprechen z.B. Sokrates das Menschsein zu. Jedes Ding ist „wahr“, nämlich dieses Seiende, das es ist, „sofern es die seiner Natur eigene Form“ (secundum quod habet propriam formam suae naturae) besitzt und wir erkennen es genau dann, wenn wir ihm diese seine Natur bestimmende Form zuzusprechen. Diese „Gleichförmigkeit von Verstand und Ding“ (conformitas intellectus et rei) ist Wahrheit und sie erkennen, heißt „Wahrheit erkennen“(conformitatem cognoscere est cognoscere veritatem) (ST I, q 16, art. 2)

Unser zusammensetzender (bzw trennender) Verstand ist wahrheitsfähig, aber nicht unfehlbar. Wir können Dingen etwas zusprechen, was ihnen nicht zukommt und absprechen, was ihnen „in Wahrheit“ wesentlich zukommt. Irren können wir freilich nur, weil das Seiende unserem Verstehen prinzipiell zugänglich ist. Wir irren im verständigen Urteil nur, weil das Seiende bereits (immer schon) verstanden ist. Die Differenz zwischen dem, was wir meinen und dem, was ist, kann geschlossen werden, weil sie schon geschlossen ist. Das, was ist, entspringt einem Gedanken, der sich immer schon realisiert hat.

Das war das Anselmsche Argument zum Dasein Gottes. Die privative Differenz zwischen Denken und Sein gründet in verstandenem Sein als wirklichem Denken. Wer von der Differenz weiß, weiß von der Einheit. Wer nach Gott sucht, kann ihn finden – er muss nur die Kraft des Denkens nutzen.

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© 2015 Heinrich Leitner

Reditio ad initium