ST I, Quaestio 17 (HL)

Alles Falsche ist vor allem eins: wahr

Heinrich Leitner (HL) ad primae partis quaestionem XVII

De falsitate. – Über die Falschheit.
Editio Leonina (Q. 15-27)
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Die Sache ist einfach – und denkbar weitreichend. Das Falsche gibt es nur, weil es das Wahre gibt. Wer vom Falschen redet, der weiß, was es heißt, etwas sei wahr. Ohne wahre Urteile keine falschen. Sehen geht der Blindheit voran, die Gesundheit dem Gebrechen, das Gute dem Schlechten. Fast schon ein Gottesbeweis. So einfach ist das.

Tatsächlich gibt uns das Falsche oder der Irrtum viel mehr zu denken als die Normalität unseres alltäglichen Umgangs mit der Welt. Irren ist zwar menschlich, aber gar nicht so einfach zu verstehen. Es verblüfft uns deshalb immer wieder, wenn wir es tun. Wer denkt, dass auf dem Feld jemand steht, den wir nach dem Weg fragen können, erkennt beim Nähertreten seinen Irrtum. Die dunkle Gestalt wurde nur durch den Wind bewegt. Wir haben etwas, das wir gesehen haben als etwas „wahrgenommen“, was es nicht war. Der Irrtum lag im Urteil, nicht im Sinn. Jede Sinnestäuschung bestätigt vielmehr die Sinne. Wir enttäuschen uns durch die Sinne und schärfen unser Urteil. Am Ende „sieht“ auch der vor-sichtige Vogel keine Gefahr mehr in dem harmlosen Ding, das da im Wind steht. Und die Urteile? Sie lassen sich durch Urteile korrigieren. Wer den Irrtum erkennt, hat die Welt schon erschlossen. Die Erfahrung des Irrtums läßt sich nicht generalisieren so wenig wie der Zweifel. Ob es die Außenwelt, unser Bewußtsein oder einen Gott wirklich gibt, sind doch ver-rückte Fragen. Wir stellen sie allenfalls methodisch, um andere, wirkliche Fragen zu klären, nämlich z.B. wie es uns gelingen könnte, bestimmte Irrtümer zu vermeiden. Der Irrtum ist die Ausnahme, die die Regel nachhaltig bestätigt. So einfach ist das. Wirklich.

Wahr ist das, was ist. Das Falsche ist nicht. Wir können es nicht sehen, nur denken. „Daher folgt, daß, so wie jeder Mangel an einem Seinsträger haftet, der ein Seiendes ist, so jedes Übel an einem Gut haftet und jedes Falsche an irgendeinem Wahren“ (unde, sicut omnis privatio fundatur in subjecto quod est ens, ita omne malum fundatur in aliquo bono, et omne falsum in aliquo vero) (ST I, q 17, 4 ad 2) Das Falsche ist das, was nicht ist, als Erkanntes (ST I, q 17, 4 ad 1) Falsches muss als Falsches erkannt sein oder es ist gar nicht. Es gründet in Erkenntnis und damit im Wahren. Ach, Leute, lehnen wir uns zurück, genießen wir das Leben, das Wahre umfängt uns. Könnt‘ ihr Ermessen, wieviel Klugscheißerei uns damit erspart bleibt? Wirklich, so einfach ist das.

Freilich gilt nun auch: „No Apologies“. Alles Fehlen ist Faulheit. Faule Vernunft. Das Unverständliche gründet in unserem Verständnis der Welt. Alles ist bereitet, dass wir es verstehen. So einfach ist das.

„Was denkst Du gerade, Schatz.“ –
„Nichts.“ –
„Nichts oder das Nichts?“

Der Mann muss ein Genie sein.
Wir können das Nichts zwar denken, aber nicht sehen. Es ist ein Gedanke, der sich dem Verstehen des Seins und unserer Freiheit zum Sein entspringt. Es wäre ihm zu empfehlen, etwas Bestimmtes zu denken. Oder ein gutes Buch zu lesen. Wir hätten da eine Empfehlung.

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© 2015 Heinrich Leitner

Reditio ad initium