ST I, Quaestio 7 (HL)

Über Unendliches muss man richtig denken

Heinrich Leitner (HL) ad primae partis quaestionem VII

De infinitate Dei. – Über die Unendlichkeit Gottes.
Editio Leonina (Q. 3-14)
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Man sagt wohl gemeinhin, dass Gott unendlich sei. Jedenfalls führt Thomas dafür Johannes von Damaskus ins Rennen und hätte statt seiner noch viele Autoritäten heranziehen können: „Gott ist unendlich und ewig und ohne Grenzen.“ (Deus est infinitus et aeternus et incircumscriptibilis.) Wissen wir aber so genau, was damit gemeint ist? Und Thomas befürchtet wohl nicht ganz zu Unrecht, dass hier einige Irrtümer naheliegen. Gerade die Vollkommenheit Gottes scheint seiner Unendlichkeit zu widersprechen: Vollkommen heißt etwas, wenn es vollendet, wenn es sein ihm eigentümliches „Ende“ erreicht hat. Nun wird etwas unendlich genannt, weil es kein Ende hat (infinitum dicitur aliquid ex eo non es finitum). Also gilt: „Alles Unendliche ist unvollkommen“ (omne inifintum es imperfectum). Und Gott damit nicht unendlich – oder nur in einer Form, die Thomas im nicht zuschreiben will.

Die Unvollkommenheit oder Defiziens des Unendlichen ist ein alter Topos. Das Apeiron ist das ununterschieden Unendliche und Unbegrenzte und der „chaotische“ Grund aus dem alles Geschaffene wird und in das es wieder vergeht. Seiendes dagegen ist Endliches, das entsteht und vergeht. In diesem Sinne lässt sich auch die prima materia verstehen, mit deren Hilfe Thomas im Anschluss an Aristoteles verstehen will, was und wie etwas ist. Alles was ist, ist geformte Materie. Form und Materie begrenzen einander. Die Unendlichkeit der Materie wird durch die Form begrenzt. Die Form, potentiell unendliche mögliche Realisierungen haben kann, wird durch die Materie instanziert, zu diesem und keinem anderen Ding (dieses Typs). Das Beispiel das Thomas anführt ist Holz. Was Holz zu Holz macht, ist seine Form, seine Natur, sein Wesen. Wirkliches Holz ist aber „informierte“ Materie, dieser Buchenast oder jener Fichtenstamm. Es ist etwas Bestimmtes. Die Information, das Werden des Seienden, ist Bewegung im Sinne aktualisierter Potenz. Die Materie als (unendliche) Potenz wird durch einen Akt in Form gebracht und damit seiend. Grund alles Seienden ist der Akt des ersten unbewegten Bewegers. Die Form gibt dem geschaffenen Gegenstand das Ziel der Bewegung, sein Ende. Wird er seinem Wesen tatsächlich gerecht, dann ist er vollendet. Infinitas verneint finis, das gleichermaßen Ende, Ziel und Zweck bedeutet – das Ende eines Strebens ist der Zweck. Jedes (geschaffene) Seiende ist endlich, eine materialisierte Form mit einem wirklichen Ende.

Form und Materie sind isoliert in einem schlechten, unvollkommenen Sinne unendlich. Sie sind bloße Möglichkeiten. Wirklich sind sie durch Aktualisierung, Verwirklichung. Materie als bloße Möglichkeit für Information hat keine Vollkommenheit. Dazu müsste sie bereits geformt sein. Die Form dagegen ist in einem gewissen, analogen Sinne vollendet, insofern sie „nur“ auf ein jeweiliges Seiendes instanziert wird. Die Form steht dem Akt näher als der Potenz und hat (gleichsam) ein eigenes Sein, nämlich im Geist (intellectus).

Diesen Vorzug hat sie aber nur durch den Akt der Schöpfung und nicht per se. Vollkommen ist eine Form nicht, weil sie begrifflich vollendet bestimmt ist, sondern weil sie (bereits) realisiert ist. Pegasus ist kein Einhorn. Ein geflügeltes Pferd ist etwas Bestimmtes, das sich von Einhörner begrifflich unterscheiden lässt. Beide, Einhörner und geflügelte Pferde haben Grenzen. Sie sind aber nicht endlich, weil sie gar nicht sind. Es gibt keine Einhörner und geflügelte Pferde auch nicht. In diesem Sinne bleiben die Begriffe in einem unvollkommenen Sinn unendlich und unvollkommen. Und weil Pegasus ein geflügeltes Pferd ist, ist er eben nicht.

Da für Gott Form und Materie keine anwendbaren Begriffe sind, können wir nur seine Endlichkeit verneinen und analog von der Unendlichkeit der (realisierten) Form auf seine Unendlichkeit schließen: das was formgebend das Seiende schafft ist Gott. Diese Eigenschaft kommt ihm (alles Quaestio 3) nicht von außen zu, sondern seinem Wesen, von dem wir freilich ebenfalls nur analog sprechen können.

Was haben wir nun gewonnen? Wir haben den Umgang mit dem Begriffsinstrumentarium Form/Materie und Akt/Potenz etwas geschärft – und damit ein Missverständnis aufgeklärt, unendlich sei nur die prima materia, das unbestimmte Chaos einer Ursuppe. Und wissen, dass alles Geschaffene endlich ist und das Unendliche uns allenfalls im Geiste begegnet.

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© 2015 Heinrich Leitner

Reditio ad initium