ST I, Quaestio 22 (HL)

Et kütt wie et kütt!

Heinrich Leitner (HL) ad primae partis quaestionem XXII

De providentia Dei. – Über die Vorsehung Gottes.
Editio Leonina (Q. 15-27)
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Viel wurde über Vorsehung und Vorbestimmung in den letzten zweitausend Jahren gestritten. Theologisch hängt viel, sehr viel, an diesem Streit. Es geht um nichts weniger als die Bedingungen für Erlösung und Verdammnis. Innerhalb der Kirche und zwischen den Konfessionen wird darüber ganz unterschiedlich geurteilt. Ein „starkes“ Verständnis von Vorsehung und Vorbestimmung wie es z.B. Augustinus und Luther vertreten scheint der Freiheit des Willens zu widerstreiten. Zufällige Ereignisse sind unmöglich und werden dem vorherbestimmten Schicksal geopfert. Alles steht fest, immer schon, im Guten wie im Schlechten. Von Anbeginn der Zeit war es diesem Apfel bestimmt, hier vom Baum und auf diesen Kopf zu fallen. Sein Ende an den Iden des Märzes war Caesar weit vor seiner Geburt zugedacht und auch dieses Rosenblatt sollte immer schon… unter Dein Bett gelegt werden. Noch bevor die Kinder geboren und „weder Gutes noch Böses getan“ hatten, galt: „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehaßt„. Erlösung (und Rechtfertigung) ist nach Gottes Ratschluß vorherbestimmt und „nicht abhängig von Werken“, die wir tun (Röm 9, 9ff.). Die Welt und unser Heil ist Gottes Willkür ausgesetzt. Die Frage, ob und wenn ja in welchem Maße wir frei sind, ist bedeutungs-, weil allemal folgenlos. Right or wrong, Brutus war es bestimmt Caesar zu töten. „Et kütt wie et kütt!“, sagt das Kölsche Jrundjesetz, „Wat wellste maache!“

Die Folgen, die sich aus einem „starken“ Verständnis von Vorsehung und Vorbestimmung für das menschliche Selbstverständnis und Handeln zu ergeben scheinen, sind erschreckend und quälend. Es drängt sich das Bild eines unbarmherzigen Gottes auf, der nach eigener Willkür rettet und verstößt und dessen liebender Obhut wir uns alles andere als sicher sein könnten. Es überrascht deshalb, dass es sich biblisch eher um ein Randthema handelt. Im Alten Testament spielt Vorsehung nahezu keine Rolle. pronoia, prognosis oder pronoein finden sich in der Septuaginta nur an wenigen Stellen (Sap. 14, 3; 17, 2; 3 Makk. 4, 21; 4 Makk. 9, 24; 17, 22). Dabei geht es um die wirkende, verlässliche Hand Gottes, die seine Treue gegenüber dem Volk Israels belegt. Das Volk Israel ist auserwählt. Gerade darin besteht sein Selbstverständnis. Es steht nicht ernsthaft in Frage, warum Gott sich diesem und nicht jenem „Volk“ zuwendet. Gott, der eine Gott, ist der Gott Israels. Die Feinde Israels sind auch Feinde Gottes, gegen die er sehr deutlich und nicht gerade zimperlich (oder gar barmherzig) agiert.

Auch im Neuen Testament taucht Vorsehung erst spät und nur peripher auf: Apg. 2, 23; Petrus 1, 2; Röm. 8, 29. Einzig die Erläuterung der Gerechtigkeit Gottes in Kapitel 9 des Römerbriefs begründet die heftigen Auseinandersetzungen, die die christliche Tradition immer wieder bis ins Mark erschüttert haben. Wir werden sehen, dass auch die Überlegungen Paulus beim jüdischen Selbstverständnis ihren Ausgang nehmen und es reflektieren.

Die spärlichen biblischen Anknüpfungsstellen für eine alles bestimmende göttliche Vorsehung scheinen stattdessen philosophische Auseinandersetzungen zu spiegeln, die in den zwei vorchristlichen Jahrhunderten geführt werden. Es geht dabei um das Verhältnis von kausaler Bestimmheit und menschlicher Freiheit. Mit der pronoia, der durch göttliche Vorsehung und Logos vollständig gestalteten Welt, vermag die Stoa die kausale Determiniertheit aller Dinge der Welt mit einer radikalen Idee der menschlichen Freiheit zu harmonisieren.

Freilich lassen sich dagegen – ohne ins teuflische Detail zu gehen – gewichtige Zweifel anführen. Es stellt sich z.B. die Frage, ob wir überhaupt sinnvoll von einem „Wissen“ zukünftiger Dinge sprechen können. Nach Cicero (107-44 v. Chr), der stoischen Position sonst keineswegs abgeneigt, ist ein Vorwissen von zufälligen Dingen unmöglich („rerum igitur fortuitarum nulla praesensio est“), solange wir von Kontingenz und Freiheit überhaupt sprechen wollen (Cicero, De divin. I, 127; II).

Fast drei Jahrhunderte vorher hatte Aristoteles (384-322 v. Chr.) sogar die „Wahrheitsfähigkeit“ von Aussagen über die Zukunft bestritten. Der Satz „Es findet morgen eine Seeschlacht statt“ ist heute weder wahr noch falsch. [De int. 9; auch: Met. VI, 3 und Eth. Nic. III, 5]. Das Argument ist scharfsinnig und trickreich. Es beruht auf einer deductio ad absurdum, bei der wir mit Aristoteles um die Ecke denken müssen. Dazu ein einfaches Beispiel einer wahren Aussage: „Das Buch auf dem Tisch ist ein Band der Summa Theologiae von Thomas.“ Die Aussage ist wahr wenn und nur wenn es sich so verhält und tatsächlich ein Band der Summa vor mir auf dem Tisch liegt. Die gegenteilige Aussage ist nach dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten (-(P v -P)) notwendig falsch. Wahrheit (und Falschheit der gegenteiligen Behauptung) schließt notwendig ein, dass es sich so und nicht anders verhält. Für Dinge, die geschehen sind oder gerade geschehen, ist das unproblematisch. Die Wirklichkeit der Dinge bestimmt die Wahrheit der Aussagen. Das Buch „macht“ die eine Aussage wahr und die gegenteilige falsch. Gälte das auch für Zukünftiges, dann wäre mit der Wahrheit der Aussage (oder ihrer Falschheit!) auch der zukünftige Sachverhalt festgelegt. Ob die Behauptung, morgen findet eine Seeschlacht statt, oder ihre Verneinung wahr ist, spielt für das aristotelische Argument keine Rolle. Was sein Gegenteil ausschließt, ist notwendig wahr. Das gilt für die bejahende wie die verneinende Behauptung. In beiden Fällen würde durch ein tertium non datur, die Zukunft immer schon bestimmt gedacht werden. Die Wahrheit des Satzes würde dann die Wirklichkeit „machen“, von der sie reden will. Die Wirklichkeit wäre „immer schon“ durch die (wahre) Rede determiniert. Was für die morgige Seeschlacht gilt, das gälte auch für Aussagen, die sich auf Ereignisse in Jahren, Jahrzehnten oder Jahrtausenden beziehen („in zehntausend Jahren wie in beliebig langer oder kurzer Zeit„). Alles wäre von vornherein bestimmt.

Das freilich ist nach Aristoteles absurd. Es ist unmöglich, den Satz des ausgeschlossenen Dritten auf Zukünftiges anzuwenden, „denn wir sehen, dass manches Zukünftige seinen Grund darin hat, daß man etwas überlegt und tut, und dass überhaupt im Bereich des nicht immer Aktuellen jene Dinge auftreten, die gleichmäßig sein und nicht sein können, einem Bereiche, wo beides möglich ist, das Sein und das Nichtsein und folglich auch das Geschehen und Nichtgeschehen.“ Bei Aristoteles dient die Sicherheit unserer Überzeugung, dass es zufällige Ereignisse und willentliche Hervorbringungen gibt, zur Begrenzung der Anwendung einer logischen Regel. Die logische Ordnung unseres Sprechens darf dieses nicht selbst ad absurdum führen. Das tertium non datur bestimmt die Wahrheitsfähigkeit von Sätzen. Wahrheitsfähig ist eine Aussage, wenn sie wahr oder falsch sein kann und die Wahrheit der bejahenden Aussage (P) die Falschheit der verneinenden (-P) zur Folge hat. Aufforderungen sind zwar Sätze, die den Strukturmerkmalen vernünftiger Rede entsprechen (Vorstellungen und Ausdrücke und deren Verknüpfung zum Satze); aber sie sind nicht wahr oder falsch und gar nicht wahrheitsheitsfähig: Eine Aufforderung fordert dazu auf, „etwas“ zu bewirken (zu „machen“). Dessen Nicht-Existenz kann deshalb gar kein Hinweis auf ihre „Falschheit“ sein, sondern bestärkt eher deren Aufforderungscharakter. Die Aufforderung würde ins Leere laufen, existierte schon, was erst erwirkt werden soll. „Ungereimtheiten“ ergäben sich auch, wenn wir den Satz vom ausgeschlossenen Dritten auf Zukünftiges anwenden wollten. Ungereimt wäre z.B., dass dann „nichts von allem, was geschieht, zufällig sein könnte, sondern alles notwendig wäre und geschähe. Man brauchte mithin weder zu überlegen noch sich zu bemühen in dem Gedanken, dass das und das geschehen werde, wenn man so und so, und nicht geschehen werde, wenn man nicht so verfährt.“ (De Int. 9)

Das Aristotelische Diktum schließt Vorsehung aus, um unsere Erfahrung der Zufälligkeit der Dinge zu wahren. Das, was so oder anders sein und nicht zuletzt durch unsere Entscheidung bestimmt werden kann, darf sich nicht durch eine Verallgemeinerung ins unwirkliche Nichts auflösen. Denn genau auf solche „zufälligen“ Dinge richtet sich die Vorsehung. Vorsehung ist kein Wissen von Notwendigem, das als solches per se und immer schon, also auch in Zukunft, gilt. Es macht wenig Sinn, zu behaupten, man könne „vorhersehen“, dass am 31. März 2052 zwei und zwei vier seien und der Satz des ausgeschlossenen Dritten immer noch gelte. Man hätte dann gar nicht verstanden, was mit Addition bzw. dem logischen Prinzip des tertium non datur gemeint ist.

Daraus speist sich auch ein Einwand, den Thomas selbst vorbringt: Die Vorsehung hat „die daseienden Dinge zum Gegenstand, die nicht ewig sind“ (ST I, q 22, art 1, obj 2). Gottes Wissen und Willen richtet sich freilich auf Ewiges und Notwendiges. Also scheint die Vorsehung nichts zu sein, was wir Gott zuschreiben sollten.

Warum also müssen wir dann, wie Thomas in Artikel 1 unmissverständlich klarstellt, „notwendig“ eine Vorsehung annehmen (necesse est ponere providentia in Deo)? Angesicht der logisch-philosophischen Schwierigkeiten und der spärlichen biblischen Anknüpfungspunkte einerseits, den dramatischen, den Glauben erschütternden Konsequenzen andererseits, bleibt es zunächst mehr als unverständlich, wieso wir die Notwendigkeit(!) einer alles durchwaltenden Vorsehung annehmen müssen.

Wissen, wie die Dinge tun

Wir unterscheiden Vorsehung als eine Form des Wissens von Vorbestimmung. Vorsehung gilt uns als passive „Wahrnehmung“ von etwas, das wir selbst nicht aktiv beeinflussen (müssen). Pro-videntia ist ein Sehen, kein Bewirken oder Machen. Wir können zwar etwas vorhersehen, weil es irgendwie vorbestimmt ist, der Vorsehung muss die Vorbestimmung aber nicht notwendig „vorausgehen“. Das werden wir noch genauer diskutieren. Auch Thomas unterscheidet Vorsehung (providentia, ST I, q 22) ausdrücklich von Vorbestimmung (praedestination, ST I, 23) – allerdings anders als wir es erwarten. Wir kommen darauf bei der nächsten Quaestio ausführlich zu sprechen. Vorbestimmung betont gegenüber der Vorsehung die aktive Bestimmung von etwas.

Daß Vorherwissen nicht Ursache des Gewussten ist oder zumindest sein muss, ist z.B. von Erasmus (1469-1536) gegen die verstörenden Konsequenzen einer „starken“ Interpretation der Vorsehung à la Luther ins Feld geführt worden: Vieles wissen wir voraus, ohne dass es geschähe, weil wir es (voraus-)wissen: „wie auch nicht deshalb eine Sonnenfinsternis eintritt, weil die Astronomen [!] ihren Eintritt vorausgesagt haben, sondern sie deshalb ihren Eintritt vorausgesagt haben, weil ihr Eintritt bevor steht“ (quemadmodum non ideo fit eclipsis solis, quod eam astrologi futuram praedixerint, sed ideo futuram praedixerunt, quod esset futura)(De libero arbitrium IIIa 5).

Das Beispiel des Erasmus ist freilich in einer Hinsicht nicht sehr glücklich oder doch wenigstens missverständlich. Es lebt von der Gesetzmäßigkeit, der die Bewegung der Sterne unterliegt. Die Bahn der Sterne galt den „Alten“ denn auch als notwendig und ewig gleich. Auf Gesetze der Natur beruft sich auch der Astronom bei der Berechnung der Planetenbahnen. Die Gültigkeit der Naturgesetze wird durch Experiment bestätigt und gilt natürlich „über den Tag hinaus“. Wir können mit ihrer Hilfe Voraussagen machen. Und doch unterscheidet sich die Gesetzmäßigkeit, nach der sich Körper im Raum bewegen, von der konkreten Planetenbahn, die wir an Hand dieser Gesetzmäßigkeiten berechnen. Der tatsächliche Lauf der Planeten kennt die Grenzen des Experiments nicht, die gerade die Gewissheit des Gesetzes begründen. Die Bahn der Sterne wird durch tausend andere, durchaus zufällige Umstände bestimmt, die das Experiment als störend ausblendet. Die Voraussage des Astronomen ist Ergebnis einer „berechnenden“ Überlegung, die sich als mehr oder weniger genau erweist und durch Empirie bestätigt wird. Sie lebt von der durch Erfahrung gewonnenen abstrahierenden Kraft des Wissenschaftlers, sich bei der Berechnung aufs Wichtige zu konzentrieren. Er muss sich bei der berechnenden Voraussage geschickt anstellen, weil Dinge ins Spiel kommen, die sich aufs Ganze gesehen so oder anders wirken können.

Blicken wir aus dieser Perspektive auf die astronomische „Vorsehung“, dann gibt das Beispiel des Erasmus einen wichtigen Einblick in ihre Natur. Vorsehung ist im Unterschied zur Vorahnung eine Form des Wissens. Etwas, das wir nicht sehen können, weil es (noch) nicht da ist, ist uns per Vorsehung so gewiss als stünde es uns vor Augen. Wer voraussieht, was erst noch geschieht und diese Voraussicht als Wissen geltend machen will, der darf nicht nur darauf hoffen oder fest daran glauben, dass schon geschehen möge, was er behauptet. Wer „sieht“, was nicht zu sehen ist, der braucht dafür gute Gründe, wenn wir ihn nicht für verrückt erklären sollen.

Es ist freilich ein Wissen von besonderer Art, nämlich ein Wissen von dem, was sich so oder anders verhalten kann. Was so oder anders sein kann, davon können wir nicht mit Notwendigkeit wissen. Das war für Aristoteles der Grund, die Anwendung des tertium non datur auszuschließen. Unser Wissen muss dem Gegenstand gerecht werden und darf die Dinge nicht durch unangemessene Stringenz und Allgemeinheit verzerren. Es ist ein Wissen, das gute Gründe hat ohne sich z.B. auf das Schema mathematischer Konstruktion, analytischer Notwendigkeit oder formalen Schlußfolgerns reduzieren zu lassen. Was nicht streng notwendig und ausnahmslos gilt, ist deshalb nicht schon chaotisch und regellos.

Vieles, was noch nicht ist, aber bald sein wird, können wir (natürlich) tatsächlich voraussehen und haben dafür auch „unsere“ Gründe: das Sektglas, das gerade vom Tisch rutscht wird – nach Lage der Dinge – auf dem Steinboden zersplittern. Der hungrige Löwe wird das Lamm, das sich von der Herde getrennt in einen Hohlweg verlaufen hat, seiner Natur gemäß schlagen. Das in den Tee gemischte Pulver führt zum sofortigen Tod sollte ihn jemand trinken und es sich dabei um Rizin handeln. Wir müssen nur verstehen, was „Sektglas“, „Löwe“ und „Rizin“ bedeuten und wir wissen, was passiert, wenn sich die Dinge so verhalten. Wir erklären, das was geschieht durch die Natur der Dinge, ohne dafür freilich Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit zu reklamieren.

Was so oder anders sein kann, ist deshalb nicht schon chaotisch und regellos. Wir mögen nicht wissen, wann jedes einzelne Blatt vom Baum im Garten fallen und wo es am Ende landen wird; dass das herbstliche Wetter die Blätter freilich in den Garten zerstreut, davon müssen wir leider ausgehen und an einem der nächsten Wochenenden Zeit einplanen, um das Laub zusammen zu rechen. In all den Zufälligkeiten gibt es doch gewisse Regelmäßigkeiten, die wir auf Grund der Natur der Dinge erwarten dürfen.

Solches Wissen ist besonders bedeutsam, wenn wir auf etwas aus sind, das so oder anders sein kann, aber so und nicht anders sein soll. Es ist die Entdeckung des Aristoteles, dass praktisches Wissen, ausgerichtet an unserem natürlichen Streben, ein Wissen davon ist, wie die Dinge ihrer Natur gemäß meist und vor allem, freilich nicht immer und notwendig tun. Wenn wir wollen, dass Dinge sich so und nicht anders verhalten, dann müssen wir etwas tun. Wenn wir das geerbte Glas, das Lamm oder unser Leben retten wollen, dann heißt es schnell zugreifen, den Löwen durch einen Schreckschuss vertreiben und den Tee besser nicht anrühren. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass diesmal das Glas so glücklich fallen könnte, dass es durch den Fall unbeschädigt bleibt, der Löwe ein überzeugter Veganer und man selbst resistent gegen die Samen des Wunderbaums sein könnte. Es mag warme, schneefreie Winter geben; es ist dennoch ratsam beizeiten die Winterreifen aufzuziehen, für die Heizung im Haus vorzusorgen und die Winterkleidung bereitzulegen. Praktisches Wissen leitet vorausschauend die Realisierung unserer Ziele durch überlegtes Handeln. Es die Sache der Klugheit, die Dinge in unserem Sinne zu beeinflussen, sie durch unser Tun so und nicht anders werden zu lassen.

Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit

Voraussetzung ist freilich, dass die Dinge tatsächlich so sein können, wie wir sie uns wünschen und dieses Ziel durch unser Tun realisiert werden kann. Wir können uns Ziele setzen, die einfach nicht zu erreichen sind. Vor diesem Fehler bewahrt uns die Klugheit. Sie ist die Kunst, die richtigen (Zwischen-)Ziele zu wählen. Richtig sind sie, wenn sie uns das zu erreichen helfen, was wir erstreben, worum es uns in unserem Streben eigentlich geht und worauf wir letztendlich und im Grunde aus sind. Ein Tor, wer sich zu viel vornimmt, sich hoffnungslos überschätzt und im ersten Schritt scheitert, weil er etwas zu realisieren wünscht, was beim besten Willen nicht zu erreichen ist. Von unrealisierbaren Zielen sollten wir Abstand nehmen und uns solche wählen, von denen wir vorausschauend annehmen, dass wir sie verwirklichen können. Das eben heißt klug und vernünftig handeln. Wir müssen dafür Vorsicht und Voraussicht walten lassen.

Hier kommt die „Vorsehung“ ins Spiel. Nach Thomas ist Vorsehung etwas, das „zugleich den Verstand und den Willen angeht“ (respiciunt simul intellectum et voluntatem) (ST I, q 22, prooem.) Es gilt Willen und Verstand zu verbinden, unser Streben durch das Wissen, wie die Dinge tun, leiten zu lassen. Das ist Sache der sittlichen Tugend der „Klugheit, zu der die Vorsehung augenscheinlich(!) gehört“ (prudentia, ad aquam providentia pertniere videtur)(ST I, q 22, prooemium). Die „Vorsehung in Bezug auf alle Dinge“ ist hier tatsächlich notwendig(!). Klugheit heißt vorausschauend die richtigen Mittel zu wählen und Dinge so einzurichten, dass wir unsere Ziele realisieren.

Was aber, wenn unsere Ziele nicht zu unserem Vermögen passen, wenn wir ihnen so sehr wir uns anstrengen mögen, gar nicht gerecht werden können. Sei es weil wir zu schwach sind oder die Umstände eine erfolgreiche Umsetzung einfach nicht erlauben. Realisierbar werden unsere Ziele nur, wenn die Dinge mitspielen. Die Dinge müssen – durch unser Tun – so werden können, wie wir sie erstreben. Die Ziele müssen tatsächlich realisierbar sein. Klug handeln können wir nur, wenn die Dinge ein kluges Handeln zulassen und das liegt nicht in unserer Hand. Für die Realisierung unserer weiten Wunschlandschaften fehlt uns all zu oft nicht nur der Wille; auch die geeigneten Werkzeuge und Baumaterialien sind nicht immer zur Hand. Wallensteins Erfahrung wäre am Ende auch für uns „tödlich“: „Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit, leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“(Schiller, Wallensteins Tod, II, 2) Wir sind mit unserem Streben der Welt zugehörig und müssen die Stimmigkeit der Welt der Dinge als Voraussetzung für kluges Handeln immer schon voraussetzen. Nicht in unser Macht, scheint sie doch ganz für uns gemacht. Fürsorglich-forsorgliche „Gedanken“ ordnen die Sachen, um sie für uns bewohnbar zu machen.

Klugheit richtet sich allerdings nur „mittelbar“ auf die Ziele. Alles praktische Überlegen setzt ein Gut woraus, das wir erstreben und das uns beim Überlegen leitet. Andernfalls wäre die Überlegung „unpraktisch“ und richtungslos. Wenn wir auf nichts aus sind, dann läuft die praktische Überlegung ins Leere. Überlegen schafft nicht das Gut unseres Strebens, sondern fokussiert unser Streben auf die richtige Wahl der Mittel bzw. Zwischenziele. Als das letzte Ziel, das wir immer schon haben, gilt der philosophischen Tradition die eudamonia, das gute, gelingende Leben. Das gute Leben ist kein Mittel der Klugheit für ein weiteres Ziel.

Das letzte Ziel unseres Strebens vermögen wir uns nicht selbst zu geben. Es ist uns vielmehr durch unsere Natur und damit von Gott zugesprochen. Klug gilt es die richtigen Mittel zu finden, Zwischenziele, die uns befähigen, unsere Natur zu verwirklichen. Dafür müssen die Dinge in unserem Sinne eingerichtet sein. Was für die Mittel und Zwischenziele gilt, das gilt auch für das letzte Ziel unseres Strebens. Soll unser Streben nicht sinnlos und absurd sein, dann müssen wir in all unserem Überlegen und Handeln davon ausgehen, das unser zugesprochenes Gut grundsätzlich erreichbar ist. Einiges durch unser Tun, anderes durch Gnade. Darauf kommen wir in der nächsten Quaestio eigens zu sprechen. Immer durch fürsorgliche Vorsehung, providentia: „Der Plan, nach dem die Dinge auf ihr Ziel hingeordnet werden, ist im eigentlichen Sinne die Vorsehung.“ (ratio autem ordinandorum in finem, proprie providentia est)(ST I, q 22, ) Die Idee ist gut und die Welt bereit. Die Zeit ist reif. Es gibt keine Ausreden.

Alles notwendig kontingent

Allerdings gibt es immer noch zwei Bedenken. Vorsehung ist nur für Kontingentes interessant; das Notwendige und Immergleiche braucht keine Vorsehung. Kontingente Ereignissen lassen sich – so meinte Cicero – nicht Vorauswissen, das sei schlicht widersprüchlich. Er folgte damit Aristoteles, der das Kontingente gegen den Zwang der Logik ausdrücklich schützen wollte. Unsere Intuition, dass es zufällige und durch uns beeinflussbare Ereignisse gibt, dürfen wir uns nicht durch sophistische Spitzfindigkeiten vernebeln lassen. Thomas selbst macht sich den Einwand, dass Vorsehung sich auf Zufälliges richtet und damit Gottes Wissen nicht gerecht wird, dem Notwendigkeit und Ewigkeit zukommt.

Aristoteles erlaubt freilich ein praktisches Wissen, das seinem Gegenstand gerecht wird. Kontingent und notwendig mag sich ausschließen; nicht aber Wissen und Kontingenz. Unser „zukunftsoffene“ Praxis wird vielmehr durch ein Wissen geleitet, das sich nicht auf Notwendiges verengt. Solches Wissen ist nicht unfehlbar und kann es nicht sein. Genau das aber muss (notwendig) von Gottes Wissen behauptet werden.

Die „Unfehlbarkeit“ ist eine Eigenschaft göttlichen Wissens. Gottes Wissen ist unfehlbar, weil es selbst den Gegenstand schafft, von dem es weiß. Die Vorsehung schließt die Differenz zwischen Aussage und Gegenstand (Sachverhalt und Tatsache); und die zwischen Gegenwart und Zukunft. Morgen wird sein, worüber gestern gesprochen wurde – eben weil es ihm so zugesprochen wurde und es so sein soll. Wie die schöpfende Wirkung des göttlichen Sprechens Bedingung der Möglichkeit für die Wahrheitsfähigkeit der Welt ist (Sein, das verstanden wird, ist realisiertes Wort), so ist die Realisierbarkeit der Zwecke und die Vollendung des Wesens der natürlichen Dinge, der Vorsehung zu danken. Sie schließt die Differenz von Sein und Sollen und ermöglicht die Verwirklichung des den Dingen zugesprochenen Wesens.

Kontingente Ereignisse können von uns vorausgesehen werden, das fallende Sektglas wird nach Lage der Dinge auf dem Boden zersplittern. Wir wissen mehr oder weniger, was passiert. Von Gott können sie unfehlbar „voraus“-gesehen werden, weil er dem Vorher und Nachher der Zeit nicht unterliegt. Sein Sein ist „Aus-der-Zeit-Sein“, Ewigkeit. Was für uns morgen ist, ist für Gott „gleichzeitig“. Auch das Gestrige ist ihm bleibendes „Jetzt“, zeitlos unvergängliche Gegenwart. Die für uns nur analog zu verstehende Ewigkeit Gottes, lässt das, was für uns unzugänglich im gestern verloren und unsicher für morgen entsteht, „gleichzeitig“ sein.

Ohne die „Temporalmechanik“, auf die wir gleich noch einmal zu sprechen kommen, zu sehr zu stressen, bleibt die praktische Dimension der Vorsehung entscheidend: Etwas ist und kann nur sein, insofern es von Gott gedacht wird. Wahrheit gibt es nur im Vollzug des göttlichen Gedankens, der die Dinge zu dem macht, was sie sind. In der Vorsehung kommt der Blick auf ihre Vollendung hinzu. Die den Dingen zugesprochene Natur läßt sich verwirklichen. Alles ist zur Vollendung gerichtet. Was ist, soll sein. Und was sein soll, kann es und wird es sein.

Wir sind Zeitreisende

Aber da gibt es ein zweites Bedenken, das in der Tradition viel wirkmächtiger und verstörender war als das erste: Mit der Unfehlbarkeit der göttlichen Vorsehung ist die menschliche Freiheit verloren. Und mit ihr jegliche Verantwortung fürs eigene Handeln. Wer möchte sich noch um die eigene Vollkommenheit bemühen, wenn die Dinge nun einmal so kommen wie sie kommen. Und hätten unsere Gebete und Fürbitten noch irgendeinen Sinn? Es gäbe für uns nichts mehr zu tun.

Tatsächlich hebt Vorsehung Freiheit keineswegs auf. Sie gibt ihr Richtung und Sinn. Freiheit ist nicht Willkür. Eine Entscheidung ist nicht dadurch frei, dass sie willkürlich und keinerlei bedingende Gründe hat. Frei heißt nicht grundlos handeln. Frei handelt, wer überlegt handelt und in seinem Handeln guten Gründen folgt. Eine freie Entscheidung kann damit durchaus eine sein, die wir voraussehen können und die wir so und nicht anders vorausbestimmt sehen. Eine freie Entscheidung ist durch gute Gründe bestimmt. Und gute Gründe sind solche, denen wir tatsächlich folgen, wenn wir überlegt handeln. Wider besseres Wissens handeln ist eben nicht frei handeln!

Aber lassen wir das erst mal dahin gestellt. Vorsehung zeichnet sich durch das Schließen einer zeitlichen Differenz aus, die wir gemeinhin nicht vollständig schließen können. Thomas verbindet die Voraussicht der Klugheit mit der Erinnerung an Vergangenes und der Erkenntnis der Gegenwart.

Es gibt ein hilfreiches Gedankenexperiment, das die Idee der Vorsehung verständlich zu machen hilft. Es wurde in der Tradition immer wieder genutzt – auch lange vor Star Trek: die Zeitreise. Reisen wir mit der experimentellen Zeitmaschine in der Zeit zurück, so wissen wir anders als die Akteure, die in ihrer Zeit gefangen sind, wie es kommen und mit ihnen ausgehen wird. Das ändert freilich nichts an ihrer „Freiheit“, ganz egal, ob wir uns dabei an die Oberste Direktive der Sternenflotte und aller gedankenexperimentierender Zeitreisender halten; das Prinzip der Nichteinmischung ist methodische Grundlage jeden Experimentaufbaus. Mag es für die methodische Reinheit des Experiments wichtig sein, unbeteiligt zu bleiben und nicht in den Lauf der Dinge einzugreifen; wenn wir uns dennoch nicht „raushalten“ könnten, wäre das eher ein Problem für uns Zeitreisende als für die „Freiheit“ der Akteure. Die Handelnden kämen auf Grund unseres „Mittuns“ zu anderen Handlungsentscheidungen auf Grund anderer Überlegungen. Ihre Freiheit würde damit bestätigt und nicht widerlegt. Wir freilich kämen an die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens und vermöchten uns nicht recht auszumalen, in welches zeitliche Abseits wir Zukünftigen durch Verstoß gegen die Oberste Direktive geraten könnten. Das Gedankenexperiment verliert seinen Sinn, wenn wir die engen methodischen Grenzen, die es definieren, stetig verändern.

Das zeigt sich auch, wenn wir in der Zeit voraus reisen. Hier stellt sich die Frage, wie unser „Wissen“ von der Zukunft und damit vom Ausgang unserer Geschichte unsere Handlungen beeinflussen wird. Wieder kommen wir mit möglichen Welten in unterschiedlichen „Zeiträumen“ an die Grenzen unserer Vorstellungskraft: gäbe es eine Zukunft, die wir bereist hätten und eine, die wir im Wissen um unsere Zukunft geändert hätten? Was wäre der Gewinn des Experiments? Doch nur, dass wir in der augemented reality einer „lebendigen“ Voraussicht unsere wirkliche Entscheidung treffen könnten. Die Zeitreise voraus ist eine Bestätigung unserer Freiheit nicht ihre Aufhebung.

Zeitreisen, sie mögen allzu phantastisch scheinen, sind Bedingungen unserer Freiheit. Tatsächlich reisen wir bei jedem Überlegen in der Zeit. Wir eilen voraus, verbinden das Gegebene, das uns immer schon ins Vergangene wegrutscht, mit der vergangenen Erfahrung um in die Zukunft entscheidend voraus zu greifen. Die Zukunft macht uns zu dem, was wir sind. Wir hatten darüber schon bei der Diskussion der Zeit gehört. Die Reise zurück ins Vergangene dient dem Ausschreiten des Zukünftigen. Jede sinnvolle Geschichte lebt eben davon, dass wir das, was wir gerade erzählen mit dem verbinden, was in der Geschichte erst noch geschehen wird. Und nicht nur in der Geschichte, sondern auch bei und mit dem, von dem in der Geschichte die Rede ist.

Dass wir den Ausgang der Geschichte kennen, der erzählten wie der politischen und der der Klassenkämpfe, besagt ja überhaupt nichts über die Freiheit der Akteure. Sie handeln frei und wir verstehen ihre Gründe, die sie bei ihrem Handeln leiten, obwohl oder vielmehr gerade weil wir als „Erzähler“ ihrer Geschichte, in der Zeit vorauseilend, mehr wissen als sie, nämlich das Ende der Geschichte, die sie erst noch schreiben. Das Gedankenexperiment der Zeitreise stellen wir im „Kleinen“ bei jeder Überlegung an: die Klugheit der einen gründet in der Navigationskunst bei der anderen.

Was uns beim Sektglas zu handeln veranlasste, war unsere Zeitreise voraus; unser Handeln kann erfolgreich sein, weil wir vorauseilen können und die Natur der Dinge mit unseren Zielen (im Großen und Ganzen) harmonieren, unsere Gedankenwelt und unsere Ziele der Welt der Dinge nicht widerstreiten. Vorwissen ist Voraussetzung für jedes Wissen. Wir wissen etwas von etwas, bevor es uns begegnet. Vorsehung in diesem Sinne wäre etwas zu wissen, was sich erst später ereignet. Es kann sich ereignen, weil wir bereits etwas, etwas wesentliches, von ihm wissen, ohne das es nicht sein könnte!

Gottes Vorsehung sichert, dass etwas sich so ereignen kann wie es sein soll und es sich seinem Wesen gemäß vollendet. Ohne Vorsehung kein Wesen, das sich ereignet. Diese Fürsorge gibt uns die Freiheit, die wir zur Vollendung brauchen.

Thomas, der von 1248 an selbst drei Jahre ne Kölsche Jung war, sieht mit der Vorsehung den dritten Artikel von det Kölsche Jrundjesetz gesichert: Et hät noch immer jot jejange!

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© 2015 Heinrich Leitner

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