ST I, Quaestio 9 (HL)

Auch Aristoteliker haben Ideen. Gut so!

Heinrich Leitner (HL) ad primae partis quaestionem IX

De immutabilitate divina. – Über die göttliche Unveränderlichkeit.
Editio Leonina (Q. 3-14)
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Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ – „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte. (Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner)

Die Unveränderlichkeit Gottes ergibt sich aus dem bisher Gesagten (ex praemissis ostenditur) ganz selbstverständlich. Dennoch führt Thomas gleich drei mehr oder weniger unabhängige Gründe für die Unveränderlichkeit Gottes an:

  1. Sie folgt erstens aus der reinen Aktualität Gottes. Dieser Reichtum macht ihn arm an Möglichkeiten (absque permixtione alicuius potentiae), die er für Veränderung bräuchte. Alles ist wirklich, nichts steht mehr aus.
  2. Sie folgt zweitens aus dem Wesen der Bewegung. In jeder Bewegung bleibt etwas und anderes geht in etwas anderes über, verändert sich. Gott freilich ist absolut einfach, hat keine Teile und kann sie deshalb auch nicht ändern.
  3. Er ist drittens unveränderlich, weil er nichts zu ändern braucht: seine Vollkommenheit erlaubt keine Veränderung. In jeder Bewegung wird etwas anders als es vorher war: Thomas sagt „erwirbt durch seine Bewegung irgendetwas und erreicht jenes, auf das es sich vorher nicht erstreckte“ (suo motu aliquid acquirit, et pertingit ad illud ad quod prius non pertingebat)! – Thomas formuliert die Sache so, dass er das Argument der Vollkommenheit ausspielen kann. Die Bewegung der Veränderung bekommt kaum merklich eine Richtung, ein Ziel.

Die Ausführlichkeit der Begründung verfolgt ein anderes Ziel. Thomas richtet uns schon auf die nachfolgende Frage des zweiten Artikels aus. Kommt die Unveränderlichkeit nur Gott zu oder gibt es anderes, das ebenfalls unveränderlich genannt werden kann. Thomas‘ Antwort ist so eindeutig wie ergänzungsbedürftig: „Gott allein ist ganz unveränderlich.“ (solus Deus est omnino immutabilis) Nur Gott ist vollumfänglich und in jeder Hinsicht unveränderlich. Anderes – so darf man folgern – ist nur in gewisser Hinsicht unveränderlich.

Tatsächlich sprechen wir von Veränderung in drei Bedeutungen: Wir unterscheiden die Veränderung der Substanz selbst von der Veränderung an ihr. Bei der Veränderung an einer Substanz ändert sich eine Eigenschaft ohne die Sache als solche zu verändern. Das Wasser erwärmt sich. Die Veränderung vollzieht sich am Wasser: es ist jetzt warm und war vorher kalt, in jedem Fall aber Wasser. Und auch wenn Wasser verdampft oder gefriert, bleibt es Wasser. Es, das Wasser, hat einen anderen Aggregatzustand, eben seinen. Anders bei der substantiellen Veränderung. Sie „ändert“ das Wesen „einer“ Sache. Etwas entsteht oder hört auf zu sein. Wir können Wasser durch Elektrolyse in „seine“ Elemente, Wasserstoff und Sauerstoff, zerlegen. Es ist nicht mehr. Es wurde zu Sauerstoff und Wasserstoff. Und Wasserstoff und Sauerstoff können mit einem Knall ihr Sein verlieren und Wasser werden. Der neue Stoff, Wasser, zeigt dann auch Eigenschaften des dritten Typs von Veränderung, der raumzeitlichen Veränderung. Wasser fließt von hier nach dort. Ein Körper ändert seinen Ort und damit seine räumliche Beziehung zu anderen Körpern.

Alles Geschaffene nun „ist in irgendeiner Weise der Veränderung unterworfen“ (omnis autem creatura aliquo modo mutabilis est). In jedem Fall verdankt es sein Sein einem anderen, nämlich Gott. Sie sind nicht „an sich“ unveränderlich, sondern nur solange sie Gott im Dasein hält. Thomas formuliert bezeichnender Weise negativ: „So sind sie also veränderlich auf Grund des Vermögens, das in einem anderen, nämlich in Gott liegt“ (sic igitur per potentiam quae est in altero, scilicet Deo, sunt mutabilis). Er möchte sie mehr als Opfer einer immer möglichen Veränderung sehen statt sie in gewisser Hinsicht unveränderlich zu nennen.

Veränderlich sind die geschaffenen Dinge zunächst in einem akzidentiellen Sinn, der ihr Wesen gar nicht betrifft. Wasser kann Eigenschaften annehmen, die nicht wesenskonstitutiv sind, die es vielmehr „von außen“ bekommt und durch anderes erleidet. Von einem Ton- in einen Glaskrug umgefüllt zu werden oder im großen erdumspannenden Wasseraustausch von einem Kontinent zum anderen transportiert zu werden, ist eine Veränderung, die dem Wasser von außen zukommt. Ob Menschen blond sind oder schwarzhaarig ist so wesensneutral wie das Ergrauen oder Kahlwerden – auch wenn manche viel wesens drum machen. Wenn man so will, spielt diese Veränderung der Dinge wesentlich im Unwesentlichen. Weil sie so sind wie sie sind, lassen sie sich unwesentlich verändern.

In gewisser Hinsicht freilich sind alle Dinge unveränderlich. Jede Veränderung ist die Aktualisierung von Potenz. Dinge verändern sich in Richtung ihres Wesens, z.B. wenn Körper ihrer Schwere entsprechend sich nach unten (an ihren natürlichen Ort) bewegen oder Wasser Gegenstände umfließt. Wasser „verhält sich“ eben so wie es dem Wesen des Wassers entspricht. Es kann nicht anders. Sein Wesen verändert sich nicht – bei Strafe des Untergangs, z.B. in der Elektrolyse. Die geschaffenen Dinge sind vergänglich, ihr Wesen ist es nicht.

Wesentlich ist die Veränderung für alles Geschaffene insofern sie unfertig und unvollkommen sind und ihr Dasein ihrem Wesen noch nicht gerecht wird. Der Stein „strebt“ nach unten, die Pflanze zu Verwirklichung ihrer Natur und der Mensch zu Erkenntnis und dem gelingendem Leben. Das, was sie sind, müssen sie werden. Sie werden, indem sich ihr unveränderliches Wesen aktualisiert. Die Dinge müssen sich vervollkommnen und kommen dann, bewegungs- und veränderungslos zur Ruhe ihres unveränderlichen Wesens.

Herr Keuner ist entweder bereits am Ende oder muss sich so fühlen, wenn an ihm trotz vieler Jahre keine Veränderung erkennbar ist. Wer so klug aus der Schule (des Lebens) kommt wie er in sie hineingeht, für den ist es dumm gelaufen und darf zurecht erbleichen – oder besser schamvoll erröten.

Zurück zu Ideen!

Trotz der Vergänglichkeit aller Kreatur gibt es Unveränderliches, nämlich die immateriellen Formen – nennen wir sie bei ihrem ehrwürdigen Namen – platonische Ideen. Als braver Aristoteliker will Thomas die Wirklichkeit platonischer Ideen relativieren – wirklich sind nur materialisierte Formen, nicht aber reine Ideen! Und CDH spricht als gelehriger Schüler beider Meister von Reality Twins, die auseinandergerissen, nichts mehr sind. Die festgefügte Ideen-Firewall dieser Truppe läßt tatsächlich nur „Ideen“ durch, die so wirklichkeitsflüchtig, rein und bedeutungsfrei sind, dass sie in der demilitarisierten Zone keinen Schaden mehr anrichten können. Platon freilich hat den Marktplatz der Argumente nie verlassen, der jetzt durch die jungen Wilden geschützt werden soll. Wohlwollend und freilich auch ein wenig irritiert guckt er den Verteidigern des Realismus bei ihrem Systembau zu und findet bei ihnen, was er so oft bei seinen Gesprächspartnern gefunden hatte. Tapfer handelnd wussten sie nicht, was Tapferkeit ist und der Geschickteste im Reden und Handeln, tat sich schwer zu sagen, was seinen Erfolg begründete. Platon sieht dem Bau der Realismus-Feste beruhigt zu, weil er sich „immer schon“ drin weiß. Mir scheint, dass Aristoteles und Thomas selbst diese Nähe immer wieder spüren und selbst merken, dass die angestrebte Nestflucht nicht wirklich gelingt.

In der Quaestio zur Unveränderlichkeit Gottes sieht Thomas sich gleich mehrfach dazu genötigt, die Gefahr des Platonismus zu bannen, um ihm dann doch zu folgen. Die Formen, die das Wesen der Dinge beschreiben, sind unkörperlich. Sie „sind“ freilich nur, weil sie wirkliche Gestaltungsprinzipien der Materie sind. Seiendes ist geformte Materie, materiell instantiierte Formen, eben Reality Twins. Also kein Platz für Platon?! Als wirkliche Formen, also als Formen, die der tatsächlichen Instantiierung zugrunde liegen, sind sie freilich wirklich und werden im Geiste als wirkliche Gestaltungsprinzipien erkannt. Sie sind vollkommen und unveränderlich – das, was ihnen vermeitlich fehlt, ihre Materialisierung, ist tatsächlich im Erkennen schon ausgeglichen: folgt man den aristotelisch-thomistischen Überlegungen des Erkennens, dann werden Ideen natürlich an materialisierten Einzeldingen erkannt – über Abstraktion. Und weil sie – in aristotelisch-thomistischer Sicht bereits über Abstraktion von Einzeldingen realistisch abgesichert sind – können, nein müssen sie als unabhängige, „selbständige“ Formen verstanden werden.

Warum ist das uns platonischen Aristotelikern so wichtig? Die Erkenntnis der unveränderlichen Formen, ich spreche konsensorientiert mal nicht von Ideen, gibt uns Zugang zur Vollkommenheit der Dinge und unserer eigenen. Wir gewinnen Anteil an der göttlichen Unveränderlichkeit. Im Geiste erfassen wir die Gestaltungsprinzipien der Wirklichkeit, die den göttlichen Schöpfungsakt „informieren“.

Thomas kämpft mit „seinem“ Platonismus, indem er sich mit „seinem“ Augustinus ausspricht. Wenn es platonisch eng wird mit der alleinigen Unveränderlichkeit Gottes, ruft Thomas den Platoniker Augustinus zu Hilfe, der im Contra des zweiten Artikels die alleinige Unveränderlichkeit Gottes bestätigt (solus Deus immutabilis est). Puh, Glück gehabt! Für Augustinus folgt freilich aus der Selbstbewegung des Geistes, die er dem Schöpfer zuspricht, irgendwie die Veränderlichkeit Gottes (aliquo modo mutabilis). Gerade sein Augustinus scheint einer völlig anderen Intuition zu folgen! Thomas antwortet dem Einwand des Augustinus, den er direkt aus Platon abgeleitet sieht (Augustinus ibi loquitur secundum modum quo Plato dicebat), mit dem verblüffenden Hinweis, dass hier von Erkennen, Wollen und Lieben die Rede sei, und damit von „Bewegungen“, die sich nicht ins Schema von Akt und Potenz fügen (non autem secundum quoud motus et mutatio est existentis in potentia). Bei so viel Platonismus dürft ihr Euch gerne weiter um die Wirklichkeit kümmern und Euch Aristoteliker nennen.

Exkurs

Die Untersuchung zur Unveränderlichkeit Gottes folgt dem Programm der natürlichen Theologie, die CDH anläßlich der Quaestio 6 beschrieben und auf den Punkt gebracht hat. Keine Offenbarung, kein lieber Gott, keine Gute-Nacht-Geschichten. Nur harte Begriffsarbeit. So weit ist die Sache mit der Unveränderlichkeit Gottes OK.

Ist sie es auch für uns Gläubige? Nicht nur, dass wir in der Schrift von einem eifernden, liebenden, handelnden Gott lesen, der immer wieder auf uns reagiert. Und was ist überhaupt mit Jesus? In der letzten Quaestio galt es, bei Gefahr einer bedeutungslosen Distanz mit Gott in Berührung zu kommen (absolute Transzendenz versus vollständiger Immanenz). Können wir auch Gott rühren? Durch Gebet, durch unser Handeln und unsere Leiden. Wird Gott tatsächlich nicht sauer, wenn wir uns wieder mal etwas ganz Fieses rausnehmen? Und freut er sich nicht, wenn wir ihm und unseren Nächsten liebend begegnen?

Behelfen wir uns erstmal mit Thomas Hinweis, dass wir uns hier vor allzu schneller Veranschaulichung hüten müssen und dass wir ja noch viel viel Zeit haben, bis wir solche theologischen Fragen im dritten Band beantworten.

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© 2015 Heinrich Leitner

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